Kritischer Gastkommentar zum Modefilmchen: Alles Zufall oder strategischer PR-Quickie?

Von René und Yavi, D-Dorf

fashionporn von dandy diary - mitten ins schwarze?

Ich habe gestern noch verkündet, dass ich diesem Business hier weiter fern bleibe. Dann schrieb ich eine Kampagnen-Kritik, kämpfte mit Hass-Kommentaren, bekam wenigstens Lob von meinem guten Freund René, quatschte mit ihm über Moral und Werte unserer Gesellschaft, wir diskutierten anschließend am Telefon ausgiebig über Pornos und andere kontroverse Themen, die scheinbar nicht die Welt bewegen und beschlossen, dass das so nicht geht. Darin waren wir uns einig, obwohl wir in einigen anderen Punkten kollidieren. Renés nutzt nun die Gelegenheit und diese Plattform dafür, uns alle an scheinbar vergessene Regeln und fragwürdige PR-Strategien zu erinnern. Was ich von diesen Regeln halte, gibt’s in meinem Kommentar. So, Freunde der Kunst: Lasset das Spiel beginnen! Ihr seid alle herzlichst zur aktiven Teilnahme eingeladen und könnt im Kommentarfeld mitdiskutieren, oder mir eure ausführlichen Beiträge per Mail schicken, sodass ich sie separat veröffentlichen kann.

Von René Schwabe, Düsseldorf:

Zum Auftakt der aktuellen Berlin Fashion Week debütierten Jakob und David vom Männer-Modeblog dandydiary.de mit der Premiere ihres “Fashion Porn” in einem Sex-Shop in Berlin Neukölln. derfreitag.de betitelt heute die Aktion als “wirksames Skandälchen”.

Ja, die Jungs von Dandy Diary erwiesen sich als sehr versiert im Umgang mit Presse und im gezielten Steuern von Publicity und Aufmerksamkeit. Zwei Fashionistos, die genau wissen wo der Modefrosch die Locken hat, kommunizieren an die Presse die öffentliche Premiere des “ihres Wissens nach ersten Fashion Porno.” Geschickte Formulierung – so kann ihnen jedenfalls keiner ans Bein pissen. Entstanden doch bereits 2006 im Rahmen einer Online-Kampagne des Labels “SHAI WEAR” gleich drei Sexfilmchen, in denen erstmals gekonnt Mode werblich platziert wurde. Zwei so ausgefuchsten Modebloggern könnte an dieser Stelle unterstellt werden, dass sie die (damals durchaus reichweitenstarke) Online-Pornokampagne von Shai Wear kannten. Also alles nur geklaut, oder?

Eine Szene aus dem Fashion Porn

Bilder vom Filmset. Das ganze Making-Of gibt’s bei Dandy Diary.

Wie man reichweitenstarke (Boulevard-)Presse so kennt, wurde der Nachrichtenfaktor einer vermeintlichen “Weltneuheit” als absolut und unumstritten in den zahlreiche Head- und Sublines platziert. Ohne sorgfältige Vorab-Recherche. Eben die perfekte Story. Auch hier könnte die Hypothese aufgestellt werden, dass strategische Berechnung der Blogger-Jungs vorab im Spiel war. Diese Meldung avancierte schließlich zur bisher perfekt unkonventionellsten ihrer Art im Rahmen des Berlin Fashion Week Auftakts.

Der Hype beginnt also. Nachdem es BILD gestern als Top-Meldung auf der Startseite platziert und die Story neben zahlreichen Online-Auftritten von (Berliner) Tageszeitungen auch im SPIEGEL-Panorama erscheint, genießen Dandy Diary vollste Publicity und Reichweite. Und auch die sonst so kritische Blogosphäre feiert sie als revolutionäre Helden. War doch eigentlich auch abzusehen, oder Jungs?

Doch mitten im Hype geschieht der “virtuelle Super-Gau”. Die Seite des Männer-Modeblogs ist für mehere Stunden kaum oder gar nicht mehr zu erreichen. Kein Wunder – schließlich wurde der in seiner Umsetzung durchaus künstlerisch und ästhetisch wertvolle Porno nicht auf ein jugendgeschütztes Video-Portal o.ä. geladen, sondern direkt im Blogpost platziert. Folge: Server down. Ein unerwartetes Szenario bei einem vermeintlich weltweit ersten Fashion Porno? Oder doch eher Mittel zur Steigerung der Begehrlichkeit?

Als letztlich (wenn es nach dem deutschen Gesetzgeber geht) pornografischer Inhalt, haben Dandy Diary hier eine rechtliche Grenze überschritten. Doch wo kein Server, da keine Kontrolle und somit auch kein Kläger und kein Richter. Denn ist das Video auf dem Blog nicht zu erreichen, gibt es auch hier keinen Beinpisser. Teil der PR-Stratgie oder “angenehmer Nebeneffekt” eines technischen Defekts?

Heute ist der Hype um den modischen Sexfilm so gut wie verflogen. Es gibt neue Topmeldungen aus der deutschen Modehauptstadt. Und auch seit den gestrigen Abendstunden ist das Männer-Modeblog und somit auch das Video für jeden barrierefrei erreich- und konsumierbar. Sollten nun Jugendschutzbeauftragte die Entfernung des künstlerisch gelungenen Pimperstreifens fordern, tut es gar nicht mehr weh. Oder?

Schließlich ist die Strategie um eine Menge Publicity und Medienpräsenz zu 100 % aufgegangen. Mission completed.

René Schwabe

René Schwabe sieht die Sache kritischer, als manch ein Fashion Week Besucher

 



4 Kommentare

  1. [...] Ist doch schließlich immer so. Heftige Bilder schockieren uns im Moment des ersten Konsums, im nächsten brauchen wir krassere, weil wir abgestumpft sind. Was glaubt ihr, wieso die Medieninhalte zunehmend moralische Grenzen überschreiten, Werbeplakate grenzwertige Motive zeigen, PR-Agenturen kontroverse Themen aufgreifen und sie zu Ködern machen? Um nicht zu sagen: wieso Titten im Mittagsprogramm, Sexorgien auf Seite 1, Gewaltszenen auf allen Kanälen? Simple Geschichte. Weil sich der Durchschnittsmensch langweilt,  wenn kein Blut fließt, kein Typ drauf haut oder Frauen sich über kluge Statements anstatt über pralle Decolletes definieren. Ach ja – und weil Sex sich verkauft. Quelle surprise. Oder, René? [...]

  2. Brad Shaw wrote:

    Ich werde mich später mal einlesen – und den Porno gucken :)

  3. [...] Micaelas Nippel mit den branchenüblichen Sternen zu zensieren wie damals bei „Tutti Frutti“. Voll Porno, was meint ihr?! Nebenbei der offizielle Urknall: Jazzy furzt. [...]