Kritischer Kommentar zum Modefilmchen: Ist dat Kunst, oder kann dat wech?

Von Yavi, D-Dorf

fashionporn von dandy diary - mitten ins schwarze?

Dieses Sexfilmchen war ein kurzer Spaß. So schnell wie es kam, verschwand es auch wieder. Heute ist es bei Dandy Diary nicht mehr abrufbar. Ob das die Ruhe vor dem Sturm oder schon nur noch die Spuren eines heftigen Blizzards sind, werden wir in den kommenden Tagen sehen. Wenn die Konsequenzen absehbar sind, wenn jemand noch darüber redet oder man nur noch fragt: Dandy, Porno, Mode – wat?

Ist doch schließlich immer so. Heftige Bilder schockieren uns im Moment des ersten Konsums, im nächsten brauchen wir krassere, weil wir abgestumpft sind. Was glaubt ihr, wieso die Medieninhalte zunehmend moralische Grenzen überschreiten, Werbeplakate grenzwertige Motive zeigen, PR-Agenturen kontroverse Themen aufgreifen und sie zu Ködern machen? Um nicht zu sagen: wieso Titten im Mittagsprogramm, Sexorgien auf Seite 1, Gewaltszenen auf allen Kanälen? Simple Geschichte. Weil sich der Durchschnittsmensch langweilt,  wenn kein Blut fließt, kein Typ drauf haut oder Frauen sich über kluge Statements anstatt über pralle Decolletes definieren. Ach ja – und weil Sex sich verkauft. Quelle surprise. Oder, René?

Jeder spricht von verfallenden Werten, gefährlicher Zukunft, kaputter Jugend, dummer Gesellschaft, schlechten Politikern, falschen Entscheidungen, sinnvollen Gesetzen, guten Menschen. Jeder spricht davon, weil andere davon sprechen.  Schneeballeffekt. Klassisches Phänomen von viralem Infomationseffekt ohne der individuellen Bereitschaft, Dinge mutig zu hinterfragen, sie neu zu interpretieren, opportunistische Thesen aufzustellen, forsch unabhängige Quellen für die Meinungsbildung heranzuziehen. Nein, Guttenberg ist schlecht, weil er kopiert, Woods, weil er betrügt, Bushido, weil er Scheiße redet, Wulff, weil er sich Geld leiht. Versteht mich nicht falsch, ich relativiere die Fehler hier zufällig genannter Exempel nicht. Ich mache nur anhand prominenter Sündenböcke und ihrer humaner Fehler darauf aufmerksam, wie schnell das geht. Das Ding mit dem radikalen urteilen und verurteilen. Schließlich sind die anderen ja auch dieser Meinung, ja sogar der Spiegel. Und die Bild. Und 3/4 meiner Facebook-Freunde.

Und natürlich das Gesetz! Das sagt nämlich, dass man keine pornographischen Inhalte frei zugänglich veröffentlichen darf. Fashion Porn bei Dandy Diary ist somit kriminell und illegal und gehört entfernt. Und so stützen sich die Kritiker des Videos auf diese allmächtige juristische Instanz, die irgendwie immer stärker gewichtet ist, als der gesunde Menschenverstand, stärker als individuelles Wahrnehmungsvermögen, stärker als Kunst und Bildung und Mut. Nein, der Gesetzesgeber hat es so gesagt. Er weiß, was gut ist. Damit ist es richtig. Punkt.

© all81/StockXchng

Aber Moment. Ist es dann auch richtig, Menschen hinzurichten, weil das Gesetz es erlaubt? Ihnen Hände abzuhacken, weil sie stehlen? Sie zu steinigen, weil sie Ehen brechen? Tiere zu quälen und zu wissenschaftlichen Versuchen zu missbrauchen, weil es die Ethikkommission und die Regierung in den Gesetzen zum Tierschutz geschickt umschrieben formulieren?

Jeder zweite Leser dieses Textes wird jetzt den Kopf schütteln und sich über diesen zunächst unnachvollziehbaren Vergleich von körperlicher Gewalt, wie sie anhand des vorherigen Absatzes illustriert wurde, und der visuellen Geißelung des menschlichen Geistes, wie es offensichtlich dem Fashion Porn unterstellt wird, empören. Doch Vorsicht. Die Diskussion läuft gemäß der Recht-Schreier doch offensichtlich genau darauf hinaus: Gesetze wurden formuliert, damit es Maßstäbe für unsere eigenen Handlungen gibt, damit wir den eventuellen Verstoßen den drohenden Konsequenzen ehrfürchtig entgegen blicken, danit wir nicht rückfällig werden. Und weil die Menschen “da oben” Verantwortung tragen – für uns kleine Marionetten, die sie damit letztlich selbst in der Hand haben und die Fäden ziehen. Sei es auch nur mit der oft manilupierten, parteiischen oder zielgerichteten Berichterstattung unserer Medien.

Und wenn die größten von ihnen deklarieren, dass dieser Fashion Porn gegen das Jugendgesetz oder moralische Werte verstößt, dann geben wir die Worte oft unkontrolliert und mechanisch wieder. Um mitreden zu können. Wir sprechen dann vielleicht auch von Verstößen gegen den Jugendschutz, von der Verantwortung zweier Blogger, die mit der öffentlichen Darstellung weiblicher und männlicher Geschlechtsorgane Grenzen überschreiten, zu Gunsten einer eigennützigen Popularisierung einen Werteverfall evozieren. Und wir sprechen dann auch davon, ohne uns vorher mit der Materie auseinandergesetzt zu haben. Es wäre so interessant zu erfahren, ob Michalsky nachgedacht hat, bevor er die bloggenden Pornoproduzenten von der Show-Guestlist strich. Gestern, in der allerletzten Sekunde. Ob er zuvor unsere Vorzeige-Medien konsumiert hat?

Das sind nämlich dann genau die, die die Kameras mit Super-Zoom unter den Rock von Paris Hilton halten, die die schockierendsten Bilder des vergangenen Jahres in bester Auflösung, von reißerischen Kommentaren begleitet und mit dramatischen Musik hinterlegt zur Prime-Time ausstrahlen, die Formate wie Dschungel Camp, DSDS und Germany’s Next Topmodel schon zwei Monate im Voraus ankündigen und sich über schwule oder simpel gestrickte Bauern lustig machen, die den Unterschied zwischen Ausbeutung und Fernseh-Job nicht kennen, weil sie es in ihren konservativen Dorfgemeinschaften nie gelernt haben. Wie denn auch, wenn selbst das überregionale Fernsehen nur zeigt, was wir NICHT können, anstatt uns Potenziale aufzuzeigen. Verdammt, wieso verbietet niemand die echte, allgegenwärtige Gefahr für unsere ohnehin vernachlässigte Jugend? Wieso wird stattdessen ein 3-minütiger Porno mit geschickt integierten Mode-Kollektionsteilen als ein krimineller Akt gegen unsere ach so lupenreine Gemeinschaft an den Pranger gestellt?

Doch der wesentliche Aspekt in meiner Argumentation FÜR diesen Film ist die Umsetzung, die bei der Beurteilung und der Analyse berücksichtig werden sollte. Und zwar bevor das Gesetz als finaler Hammerschlag greift und noch bevor wir sagen, dass dieser Film schlicht und ergreifend schlecht ist. Es handelt sich um eine überaus stilvolle Darstellung eines Geschlechtsakts, der weder Gewalt, noch chauvinistische Motive oder andere menschenverachtende Inhalte zeigt. Wir sehen zwei natürliche, ungemachte aber gepflegte Menschen, fernab jeglicher moderner Ideale, die sich gefühlvoll lieben, ganz ohne innovativem Spielzeug, ohne typische Sex-Phrasen wie “Ja, Baby, gibt’s mir” oder “Oh mein Gooooott!!”, ohne diesem klischeebehafteten Pearl-Harbour-Hollywood-Fick, den unsere pubertären Jungs und Mädels in ihren 90-cm Betten mit 13 Jahren nachzustellen versuchen und danach beim Dr. Sommer Team fragen, ob man im 5. Monat noch abtreiben darf. Ja, genau SO UNSPEKTAKULÄR und LIEBEVOLL kann Sex sein. Diejenigen von euch, die von herkömmlichen Pornos anderes gewöhnt sind, werden vermutlich die Augen weit aufreißen. Oder sie verdrehen. Whatever. Was ich sagen möchte: Wir sollten solche Filmchen lieber legalisieren und meinetwegen öffentlich ins Netz stellen, damit Tabus an richtigen Stellen gebrochen werden, damit die Kids hinter dem Rücken ihrer überforderten Eltern keine grenzwertigen Hardcore-Szenen auf ihre Handys ziehen oder im Internet wirklich schockierende pornographische Produktionen herunterladen können. Und das werden sie höchstwahrscheinlich, genauso wir wir damals heimlich gemischte Bonbontüten am Kiosk gekauft haben, weil es verboten war. Wir verstanden nicht, dass es schlecht für die Zähne ist. Wie sollen sie dann verstehen, wie man respektvoll lieben soll?

Im modernen Japan gehören Sex und seine Shops zum alltäglichen Bild.

Lieber René, angesichts dieser tiefergreifenden Problematik ist es doch wirklich irrelevant, ob Dandy Diary eine geklaute Idee zugunsten einer möglichst reichweitenstarken Pubilicity umsetzten. Dass dies ein gigantischer PR-Coup und strategisch provozierter Hype-Katalysator war, ist doch wirklich kein Geheimnis. Die Jungs bedienten sich bewehrter Werbe-Instrumente, wie es jede kleine Provinz-Agentur seit den 90-ern und nahezu jede in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeit seit der Erfindung von Twitter und Facebook tut. That’s Business. Und der Inhalt? That’s simply Sex – wieder einmal. So, wie man es in der harmlosen Variante damals bei Coca-Cola Light, bei der sanften Steigerung von Coke Zero Clip und spätestens bei Tom Ford eindrucksvoll sehen konnte. Mal ganz ehrlich, so traurig es auch ist: Wer schaut bei einer deutschen 08/15-Mama mit knitterfreiem Polo-Shirt, die sich um halb Zehn morgens Knoppers reinzieht, während sie die weißen Hemden ihres Mannes mit Arielle reinigt und die Kinder mit den gesunden Nimm2 still legt, zweimal und vor allem genau hin?

Vielleicht würden wir heute auch bei solchen Frauen zweimal und genau hinschauen. Wenn wir nicht “hier!!” und “mehr!!” geschrien hätten, als Big Brother die Fummelkisten uninteressanter Menschen gezeigt, Vera am Mittag den 2839. Vaterschaftstest eines zahnlosen Alkoholikers und Schlägers veröffentlicht, Gina Lisa wegen ihres verwischten Eyeliners während ihres Alm-Aufenthaltes geweint und damit auch die Zuschauer vor den Bildschirmen gerührt, irgend ein Single-Typ rote Rosen an die wirklich verzweifelten Hausfrauen verteilt und Micaela ihre Plastik-Möpse in einen matschigen Pool in einem australischen Dschungel getaucht hat?

Ich bitte euch. Fashion Porn. So what?

Wir haben es nicht anders gewollt, Freunde. Das ist unsere Welt, menschliches Handwerk, das wir adaptieren. Unsere Produkte, die wir heißhungrig konsumieren, auch, wenn wir schon satt sind. Ohne zu hinterfragen. Weil wir es so kennen. Dieser Porno ist also falsch. Weil es halt so ist. Ihr schaut ihn trotzdem. Sprecht darüber, lästert darüber, teilt ihn in euren Facebook-Profilen. Jetzt nicht mehr. Denn jetzt ist er wech, der (Mode- und Werbe-) Film, der auf den ersten Blick (moralische und juristische) Grenzen überschritt, uns dabei aber kunstvoll und subtil die Grenzen unseres menschlichen Urteilsvermögens aufzeigte. Mission completed.

 



2 Kommentare

  1. [...] Regeln und fragwürdige PR-Strategien zu erinnern. Was ich von diesen Regeln halte, gibt’s in meinem Kommentar. So, Freunde der Kunst: Lasset das Spiel beginnen! Ihr seid alle herzlichst zur aktiven Teilnahme [...]