Der frühe Vogel kann mich mal – Ode an den Abend

der frühe Vogel kann mich mal

Wenn der Wecker morgens zwei Mal klingelt, beginnt mein täglicher Kampf gegen die scheinbar immer bestens gelaunten Radiomoderatoren: Ich luke schläfrig unter der Bettdecke hervor und hoffe, mein böser Blick lässt die Fraktion „fröhlicher Frühaufsteher“ schlagartig verstummen und mich weiter den friedvollen und vor allem stillen Schlaf der Gerechten zelebrieren – klappt leider nie, ich muss wohl noch an meiner Angriffstaktik arbeiten.

Es lässt sich nicht leugnen: Ich bin das Gegenteil von einem putzmunteren Vögelchen, das zwitschernd den frühen Morgen begrüsst. Meine Familie versicherte mir erst kürzlich wieder einmal sehr glaubhaft, ich sei die heißeste Anwärterin auf den Preis des größten Morgenmuffels.

Apropos, Famlie: Wie philosophierte meine von mir eigentlich hoch geachtete und sehr geschätzte Cousine neulich unglaublicherweise: „Gibt es was Schöneres, als morgens in den Tag zu horchen und sich zu überlegen, was der neue Tag alles bringen wird?“ Eindeutige Antwort: JA, gibt es – umdrehen, Augen zu machen und weiterschlafen, irgendwann am späten Vormittag von der Sonne im Gesicht und dem Geruch von frisch gemahlenen Espressobohnen geweckt werden und mit einem Cappuccino im Bett langsam und ausgeschlafen in den Tag starten.

Weckdienst

Der Morgen erscheint mir oft wie die trügerische Ruhe vor dem hektischen Sturm des Tages. Egal, wann ich abends ins Bett falle, morgens ist es immer viel zu früh und die Zeit grundsätzlich zu knapp. Jeden Morgen das gleiche Spielchen: Nachdem der ungeliebte Wecker nicht nur gefühlte 10 Mal auf Snooze gestellt wurde, hektisch unter die Dusche hüpfen, Zähne putzen, schnell noch einen Kaffee trinken, alle am Vorabend sorgfältig vorbereiteten und rausgelegten Outfits über den Haufen schmeissen und sich doch für den legeren Look entscheiden (ist ja schließlich schon alles stressig genug, da muss man nicht noch in High Heels über den Büroflur stolzieren), Fahrradschlüssel schnappen und losdüsen.

Vor dem Hinaustreten sind die Kleider zu ordnen

Romantisches „Durch-die-Stadt-Schlendern-und-hinter-die-Kulissen-Blicken“ sieht definitiv anders aus. Meine Cousine würde nun wohl argumentieren: Zeitmanagement ist alles, ich argumentiere: Hinter die Kulissen einer Stadt zu schauen, die selbst noch verschlafen gerade mit Mühe und Not ein Auge aufhalten kann und die aufregenden Turbulenzen der Nacht verarbeitet, ist wie neugierig-gaffende, sensationslustige RTL2-Zuschauer im eigenen Schlafzimmer, während man selbst noch im Halbschlaf unter der warmen Decke seinen Träumen nachhängt.

Sommerabende in Hamburg

Der Abend hingegen scheint wie ein süßes Versprechen auf wertvolle und selbstbestimmte Qualitätszeit, eine Verheißung auf die besten Stunden des Tages, in denen ich jegliche Turbulenzen hinter mir und sämtliche Ereignisse Revue passieren lassen kann…

Mein Hollandrad an der Elbe

Es ist eine leise Vorfreude, die bereits nach dem ersten Cappuccinoschluck am Morgen leise aufkeimt und im Lauf der Tages immer größer wird – Vorfreude auf warme Sommerabende in der Hängematte mit einem Gläschen Wein in der Hand, auf entspannende Spaziergänge am Elbstrand, auf Fahrradtouren im warmen Restsonnenlicht, auf amüsante Koch-und Plauderabende mit Freunden – zuhause, in der Cocktailbar des Vertrauens oder stundenlang am Telefon mit der besten Freundin.

Kochevent mit Freunden

Abschalten und sich auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren – das funktioniert bei mir abends am besten. Ich lehne mich zurück, lasse los und komme bei mir selbst an. Am Abend sind alle Sorgen des Tages, all der Trubel und die Hektik der Stadt und ihrer Bewohner vergessen und stattdessen legt sich überall eine gelassene Stimmung über die Menschen.

Vielleicht liegt es auch ein wenig an Hamburg, dass ich den Abend so liebe. Hier in dieser Stadt, von der ich oft den Eindruck gewinne, sie zelebriere die Stunden kurz vor und nach Sonnenuntergang besonders, in der die Strassen zu dieser Zeit voll sind mit lachenden, geselligen Menschen, fällt es schwer, nicht zur Nachteule zu avancieren.

Cocktail-Time in der Strandbar des Vertrauens

Vielleicht finden sich die Ursachen aber auch in meiner frühkindlichen Sozialisation und diejenigen, die mir den Preis als Morgenmuffel Nummer 1 verleihen wollen, sind selbst ein wenig verantwortlich für meine nächtliche Umtriebigkeit: Schließlich vermittelten mir meine Eltern dank ihrer musikalischen Vorlieben seit frühester Kindheit mit Songs wie „Night Fever“ (oder für die Fans deutschsprachigen Liedgutes auch gern „Sonne in der Nacht„)  die Vorzüge des Abends und da sieht man es mal wieder: Gelernt ist eben gelernt! Und darauf stoße ich doch gern an!

Salute - ein Abend mit Freunden