Cici, Sophie, Mona und ich

Ich brauche eine neue Hose. Eine Jeans, genauer gesagt. Keine Frau kann mit nur einer Jeans leben, und genau das ist der Status quo in meinem Kleiderschrank. Hosen kaufen bringt mich zur Verzweiflung! Ich habe seit Jahren keine Hose mehr gekauft, und mich stattdessen auf Röcke verlassen, die man nicht nur viel schneller anprobieren kann, sondern auch viel schlankere Beine machen. Doch es führt kein Weg daran vorbei – eine neue Hose muss her.

Ich peile eine große Kette in der Innenstadt an. Sie hat ein & im Namen, ist aber nicht schwedisch. Meine letzte Jeans habe ich vor 6 Jahren dort gekauft – sie hat mir bis heute gute Dienste geleistet. Ich weiß also genau, was ich will: eine dunkelblaue Jeans, ich weiß die Marke, nur bei der Größe bin ich mir unsicher. Wie war das noch mal – Weite, Länge? Erinnerungen kommen hoch, wie ich frustriert eine 31 nur halb hochziehen kann oder die Sitzprobe ergibt, dass die Hose auf keinen Fall meeting-tauglich ist.

Ich nehme mir also vor, direkt eine Verkäuferin anzusprechen, sie mit meiner Inkompetenz zu konfrontieren und damit an ihre Fachkompetenz zu appellieren.
Im Untergeschoss angekommen sondiere ich die Lage. Jeans liegen hinten links. Verkäuferinnen? Aha. Oute ich mich lieber vor der Tussi mit der Röhrenjeans in Größe 25 oder der 1,80-Gazelle mit dem makellosen Haarknoten? Ich glaube, ich schau erst Mal selber. Ich wühle und staple und vergleiche eine Cici mit einer Sophie. (Hosen mit Designlöchern fallen übrigens durchs Raster, denn davon hab ich zwei selbstentworfene in meinem Schrank und genau die sind ja das Problem.) Ich lese immer wieder dieselben Schlagwörter: slim leg, low waist, skinny, bootcut. Wo war ich eigentlich die letzten Jahre??!! Außerdem frage ich mich ernsthaft, wie man heutzutage ohne Anglistik studiert zu haben eine Jeans kaufen kann. Und auch, wer die glorreiche Idee hatte, eine Hose „mager“ zu nennen. Und auch, wie wohl Männerjeans so heißen (Jean-Pierre, Angelo, Frank und James?).

Während ich das denke, steuere ich auf die Umkleide zu. Das Licht ist gut. Mantel, Schal, Mütze, Tasche, alles ablegen. Der Moment der Wahrheit – nur Cici und ich. Der Knopf geht zu. Doch der Stoff, der oben fehlt, hängt unten ein paar Zentimeter über meine Zehen. Raus aus dem Ding. Überhaupt – könnte ich eine Jeans tragen, von der ich nicht mal weiß, wie man sie richtig ausspricht?
Ich beschließe, im Obergeschoss weiterzuschauen. Dort sehen erstaunlicherweise auch die Verkäuferinnen irgendwie menschlicher aus. Frau K. kommt lächelnd auf mich zu und ich hoffe, sie kann mir tatsächlich helfen. Ich schildere ihr mit wenigen Worten mein Anliegen und nun lasse ich wühlen und stapeln und vergleichen. Ich schaue mich erwartungsfroh um und denke, dass eine von diesem Stapel möglicherweise heute mit mir nach Hause geht.
Sechs Hosen später ist mir deutlich wärmer als beim Betreten des Gebäudes, und mir dämmert, dass ich heute kein Erfolgserlebnis zelebrieren werde. Mit dem tröstenden Gedanken an meine vielen schönen und vor allem passenden Röcke eile ich gestresst nach Hause.

Ein paar Tage später öffnet sich ganz unerwartet ein Shopping-Zeitfenster. Irgendwas ist heute anders, das merke ich schon beim Betreten des Geschäfts. Wegweiser studieren, Rolltreppe hoch – Hosen so weit das Auge reicht.

Frau M. nimmt sich meiner an. Optimistisch gehe ich auch hier mit sechs Jeans in die Umkleide und verstoße damit wagemutig gegen die Hausordnung. Aber hey, ich wurde schließlich dazu angestiftet und das Leben ist bekanntlich voller Risiken!


Bei allen Jeans gefällt mir die Farbe, keine ist eine Röhre und mein Gefühl sagt mir, dass beim Hinsetzen alles beisammen gehalten wird. Vor mir liegen nun Melanie, Mona, Amber, eine Namenlose im boyfriend style, eine curve ID und eine curve droit.
Ich steige zuerst in die curve ID – eine Jeans mit Kurven könnte zu mir passen. Treffer. Ich bin neugierig auf die curve droit – ob mir wohl auch eine gerade Kurve steht? Treffer. Das Adrenalin steigt. Boyfriend. Sitzt. Mona, Amber, Melanie – Treffer! Ist das ein Traum und ich wache gleich auf? Sind wir hier bei der versteckten Kamera? Wo ist der Haken? Und wieso ist die Luft hier eigentlich so angenehm?

Es hilft alles nichts: ich brauche einen Recall und mache eine zweite Runde in der Umkleide.

Dabei sortiere ich schweren Herzens die beiden curves aus. Sie sind schön und fühlen sich gut an, aber sind vielleicht einen Tick zu lang. Rechts geht, links bleibt. Auch die boyfriend übersteht die zweite Runde nicht und wandert auf den rechten Stapel. Bleiben Mona, Amber und Melanie. Am Ende gewinnt Melanie, die Verkäuferin und ich sind happy. Ich habe das Gefühl, sie ist sogar noch glücklicher über meinen Fang als ich (aus diesem Grund verzeihe ich ihr auch die Frage, ob ich schon eine Kundenkarte hätte).
Der Rest ist Routine. Ich trete mit einer Tüte in der Hand und einem Lächeln im Gesicht auf die Straße. Ich glaube, es ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft!