Aus meinem Fenster

Grauer Himmel, ein letzter Rest Blätter an den Platanen vor meinem Fenster. Erinnerungen an die Grillen, die ich diesen Sommer abends bei offenem Wohnzimmerfenster hörte. An Vogelgezwitscher und die Neugier, wann wohl die ersten Jungen aus dem Nest lugen würden. An den ersten Hauch Frühling. Grün. Knospend. Vor meinem Fenster. Gelbe Blütenpollen. Kräftige Blätter, die das Sonnenlicht spiegeln, grüner als grün.

Fünf Männer sind gekommen und beschneiden die Bäume. Nehmen den letzten Rest Herbst mit. Fegen ihn zusammen und häckseln ihn in feinste Holzspäne. Zurück bleibt ein Baumgerüst; wie ein klarer Blick.

Aufräumen, bevor der Winter kommt. Bevor uns Lichterketten, Tannenbäume und Weihnachtssterne den Blick vernebeln auf das, was war. Ich blicke zurück auf ein Jahr aus diesem Fenster.
Ein Jahr voller Neuigkeiten, gut und schlecht. Sorgen und Freude. Neues und Altes. Tränen, Lachen, Kämpfen. Sich verlieren und finden? Wann ist ein Ort ein Zuhause?
Die alte Frage: was erwarte ich vom Leben? Was sagt mir das Leben der anderen? Der Blick nach recht und links, wann hat er dir je geholfen? Höre in dich rein, lausche, verlass dich auf dein Bauchgefühl. Hör auf über andere zu urteilen, schau auf dich, konzentrier dich. Was habe ich dieses Jahr gut gemacht? Was ging schief? Kann ich es wieder richten? Wer hat dich dieses Jahr getragen? Was bleibt von dir übrig, wenn das Laub weg ist?

Ich mag den Herbst. Übergang zum Weiß. Eine letzte Chance auf leichte Mäntel und laubraschelnde Spaziergänge am Fluss.

Bevor sich die Welt ihr kaltes, weißes Gewand überzieht, das nicht wärmt, dich frösteln und denken lässt, ein Glas Glühwein könne die Kälte vertreiben. Kastanien, die du eben noch gesammelt hast, schälst du jetzt aus ihrer heißen, aufgeplatzten Schale. Sie wärmen deine Finger für einen kurzen, köstlichen Moment. Elf Monate eines neuen Jahres sind vergangen, gedanklich bist du vielleicht schon bei der nächsten Zahl.
Wenn ich kann, halte ich im Herbst inne. Denke an die Menschen, die ich unbedingt anrufen möchte, die ich dieses Jahr unbedingt noch einmal sehen möchte. Die ich nicht gesehen habe seit Monaten, die mich nicht vermissen. Denke an Freunde, die ich verloren oder wiedergefunden habe.

Und dann der Regen. Er wäscht alles rein, trägt es fort, das Jahr, die Zeit. Gleichförmiger Klang in spiegelndem Nass. Draußen ist es kalt, doch ich friere nicht.