Im Reich der Mitte – Welcome to Beijing

Manchmal ändert ein Anruf all deine Pläne. Manchmal steigst du danach einfach in den Flieger und landest 10.000 km entfernt von Hamburg zehn Stunden später in einem fremden Land mit lauter fremden, lächelnden Menschen und während du dich noch stirnrunzelnd fragst: „Wo bin ich hier? Wer sind all diese Leute? Was ist meine Aufgabe bzw. wie war noch gleich der Plan? Ahh stopp, wieso rennt ein kleiner Chinese eifrig-eilend mit meinem Koffer in der Hand zum Ausgang des Flughafens? Wann kann ich wohl duschen? Und WARUM habe ich permanent Selfie-Sticks von aufgeregt-tuschelnden Asiaten im eigenen Gesicht?“, bist du schon mittendrin in deiner Spontan-Sommer-Sonnen-(gibts-dort-Smok-)-Story im Reich der Mitte…und eh du dich versiehst, auch nur einen rationalen Gedanken fassen kannst, verliebst du dich Hals über Kopf: WELCOME TO BEIJING!

China 8 / 2015

Bereits im Flugzeug wird klar: Diese Reise wird ein Abenteuer interdisziplinärer Natur. Um mich herum lauter wuselige Chinesen, die unmittelbar nach dem Start eifrig ihre mitgebrachten Dosen hervorkramen und ihre Zeit abwechselnd mit extrem offensivem, genussvollem Essen oder aber lautstark in chinesisch-fröhlichem Singsang mit ihrem Vorder-Neben-Rück-Gegenüber-Mann diskutierend verbringen. Besonders morgens um 6h nach NULL Stunden Schlaf, 100 neuen Knautsch-Kissen-Falten im Gesicht und Koffeinentzugslaune eine schöne Sache, intensive Gerüche von selbstgemachten Eselseintopf in meiner empfindlichen Nase zu vernehmen.

Noch schöner wirds nur, wenn dein kommunikativer und an internationalem Austausch sowie informeller Weiterbildung interessierter Sitznachbar dir diese kulinarisch bestimmt sehr anspruchsvollen Häppchen voller Euphorie anbietet, dir also die prall gefüllte Dose ambitioniert unter dein sensibles Riechorgan hält, du aber in Puncto interkultureller Völkerverständigung nur verlieren kannst, wenn du wild gestikulierend ablehnst, weil du dich innerlich nach duftendem, frisch gemahlenem Espresso sehnst.

Unterwegs nach Beijing

Kaum haben wir unsere vom Flug und der Hitze gebeutelten Körper in die geradezu riesig wirkenden Ledersitze des automobilen Gefährts, das uns die kommenden Tage vertrauensvoll herumdüsen wird, fallen lassen und sind auf Beijings Strassen, macht der weise Satz „alles fliesst“ endlich Sinn: Mir ist zwar vollkommen unbegreiflich, wie all die Autos, Roller, Fahrräder und Fussgänger ohne sekündlichen Totalkollaps klar kommen, aber anscheinend gelten für chinesische Verkehrsteilnehmer keine bzw. nur eine Regel: Immer in Bewegung bleiben und darauf vertrauen, dass alle anderen dieses Motto ebenfalls beherzigen.

Verkehr in Beijing

Ganze Familien sitzen fröhlich vereint auf einem nicht sehr stabil wirkenden Fahrgerät, das entfernte Ähnlichkeit mit einem schmalen, motorisierten TucTuc besitzt und stürzen sich aus meiner Perpektive geradezu todessehnsüchtig ins Getümmel! Hupen gilt als verlässlichlichere und wirksamere Form des Blinkens und wird von allen als probates Kommunikationsmittel voller Leidenschaft eingesetzt.

Beijing ist riesig, lärmend, trubelig,  stickig, dreckig und hektisch. Sterne sieht man selbst in einer wolkenfreien Nacht so gut wie nie. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100 Prozent. Und trotzdem: Bereits auf dem Weg zum Hotel kann ich ihn spüren, diesen Zauber, der von diesem Ort ausgeht. So voller Vielfalt und Gegensätze, alt und neu, laut und leise, klein und groß, im Aufbruch und tief verwurzelt mit seiner Geschichte und Kultur. Seine Bewohner sind quirlig, voller Lebensfreude und Freundlichkeit.

Grünes Beijing

Ich stehe in der Uni, schaue aus den Fenstern über die Dächer der Stadt hinweg auf die konstrastierende Vielfalt, blicke auf dichte, grüne Parklandschaften, die beinah unwirklich erscheinen zwischen all den riesigen Wolkenkratzern und der futuristisch anmutenden Architektur.

Daneben wie in einem Paralleluniversum die traditionellen Hutongs, enge Gassen, einstöckige Häuser, typisch chinesisch anmutende, aufwändig verzierte Tempel, Paläste wie aus einer anderen Zeit, die etwas von der Magie des Kaiserreichs erahnen lassen.

Strassen Beijings

Tempel und Kloster, Paläste, Architektur in Beijing

Tempel und Kloster, Paläste, Architektur in Beijing

Platz des himmlischen Friedens in Beijing bei Nacht

So fremd, so vertraut, so inspirierend: District 798 – LIEBLINGSORT.

798, Beijing

798, Beijing

Streetart trifft kritische Kunst trifft zeitgenössisches Design inmitten von 50er Jahre Industriekultur – gebaut von den Deutschen zu den Hochzeiten des Kommunismus.

Ich laufe durch die Strassen, Viertel, Parks und Wohnblocks, kämpfe mich in der sonnigen Mittagshitze bei lauschigen 35 Grad hoch zur chinesischen Mauer, schlafe mit offenen Augen, träume 24/7 von dieser fernöstlichen Metropole und nie endenen Treppen und Stufen. Beijing, du bist so wandel-wunderbar, so unfassbar!

Beijing bei Nacht

Nachts auf der Rückbank des Mercedes liegen, durch weit geöffnete Fenster in den Himmel zur Venus blicken und bei laut aufgedrehter Jazz-Musik über die 6-spurigen Straßen durch die Nacht fahren… so beseelt von der berauschend-atemberaubenden Anders-Einzig-artigkeit!

Es könnte ewig so weitergehn mit der Leichtigkeit des Seins und des bewussten Erlebens – einfach mal machen und sich einlassen, intuitiv entscheiden und fühlen statt denken. Trubeliger Office-Alltag, chaotisches Katastrophenkarma und die Irrungen und Wirrungen in Sachen Herzfunkeln – all das scheint meilenweit entfernt, unwirklich und unwichtig.

für besseres Karma

China, „Zeit außerhalb der Zeit“, geschenkte Zeit…Dazu im Loop Jans Stimme im Ohr „I don´t think about you“* jeden Tag, jede Nacht immer und immer wieder…„no sleep no sleep replay repeat sweetest fatigue“**

Ausblick auf Beijing

St. Pauli hat mich längst zurück. Die ersten Tage in meiner Kampfleitzentrale komme ich mir seltsam fremd und isoliert vor, schnecke antrieblos von Raum zu Raum, bin trotz Unmengen an Flat Whites vom Barista des Vertrauens aka „heißer Koffein-Stern“ permanent müde und erwische mich bei Heißhungergelüsten, die sich um Entenherzen, grüne Bohnen und Dim Sum in allen möglichen Varianten drehen.

Höhepunkt einer lähmenden Entzugswoche: Katastrophale Kamikaze-Aktion mit dem Brotmesser oder aber auch Teil 1 von „Krieg zwischen Messer, Brötchen und Finger“, eindeutiger Verlierer: der Finger. Zusammenfassende, alles in sich vereinende Diagnose: schlimmer Fall von Beijing-Blues. Doch wenn ich hoch über den Dächern meiner Hood sitze, die Augen schließe, kann ich es fühlen und hören – Pekings Pulsschlag, der mich in seinen Bann zieht, und mir leise verheißungsvoll zuflüstert STILLSTAND IST DER TOD, GEH VORAN, BLEIBT ALLES ANDERS*** – nie hab ich diese Worte mehr nachempfunden als dor.


Was bleibt, sind Momente voller Intensität, kluge Sprüche am Fließband und ein legendäres Team!

„Nachtschichten ahoi – schlafen kannste in Europa.“

„Worum geht es?“ -„Definition Animation“ „ICH WIEDERHOLE: WORUM GEHT ES? -„Definition Animation“ -„OKAY, Kaffee-und Denkpause für alle.“

„Wir haben Glück: Für die nächsten Tage sind super Smok-Werte vorausgesagt.“ -„Menno! Ich will aber eine rosa-pinkfarbene Atemschutzmaske.“

„Meine intrinsische Motivation ist aktuell sehr akut, um nicht zu sagen: EXTREM HOCH!“

Beijing-Team-Selfies

„ICH HASSE SELFIES!“

Treppen und Stufen

„Wie lange noch?“ -„Nur noch 15 Minuten.“ 15 Minuten später: „WIE LANGE NOCH?“ -“ Nur noch 15 Minuten.“

„Lutsch mit Liebe“ -„HAUPTSACHE, DU HAST ALLES IM GRIFF.“

Ben & Mia aka Kate & William

„Ihr seid hier wie William und Kate!“ -„Oh, dann will  ich William sein.“ „Klar, bist du William. Ich hab schließlich die viel längeren Haare.“

„Denk dran: In Schweden wärst du nur Durchschnitt.“

„Und mit was für Musik  bist DU so aufgewachsen?“

„Wer will noch Durian?“

„Vorher hatte ich nur Kopf, nun ist mir zusätzlich noch schlecht und schwindelig.“ -„Ja sag ich doch, Pocari Sweat ist die Lösung für alles. Jetzt stell dir vor, wie schlimm es dir gehen würde OHNE.“ „Ich wiederhole: VORHER hatte ich nur Kopf.“

„Du bist soooo gut zu mir.“

„Du bist sooo KLUK.“

„DEIN Leben hätte ich gern.“

„Was würde ich nur OHNE dich tun?“

„Mr. Spicy meets lil Spicy“

„LADIES CAR – Ben, wo bleibst du?“

„Ich hab Hunger. Wie siehts aus, ne kleine Zwischenmahlzeit bei Burger King?“ Fünf Burger und drei Chocolate Brownies später: „So, wann gibts Abendessen?“

„Kommt es mir nur so vor oder höre ich von der männlichen Fraktion immerzu „wann gibts wieder was zu essen“ – soviel kann MANN doch gar nicht essen!“ -„Sieh es mal so: Männer haben eben auch Gefühle – Hunger und Durst zum Beispiel.“

„Schärfe ist subjektiv.“

#fuermehrSchokokuchen

#FOOODGASM

„Ihr fachsimpelt –
Wir bewegen uns rudimentär.“

Blumen im Haar

„WIR WERDEN UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EINE BLUME IM HAAR TRAGEN“ Drei Stunden und gefühlte fünf Longdrinks später -„Die Blumen stehen uns doch ganz gut, oder?“

„Wir werden alle in diesem Taxi sterben“ -„Isso, aber bevor er uns umbringt, will und MUSS ich erst zur Örtlichkeit.“

#Grammatikpatterndrillübungsbaustein!

#SlowMo

„Zäpfchen – ne rundum praktisch-schöne Sache – besonders im Flugzeug.“

„Warste kacken?“

„Ich geh nochmal eben zum Duty Free.“

„What happens in Beijing stays in Beijing.“

Beijing-Team

„Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben.“ Ich korrigiere, ergänze und vervollständige:

Ich bin so froh, EUCH kennengelernt zu haben!!!

to be continued…

Flughafen: Bye Bye Beijing



*Jan Blomqvist „I don´t think about you“
**Boy „No sleep for the dreamer“
***Herbert Grönemeyer „Bleibt alles anders“