Ein grüner Haken

Bus-Buchhaltestelle

Heute mal wieder den Bus genommen, sehr nostalgisch. Ich hatte den festen Plan, nicht zu lesen oder auf ein elektronisches Gerät zu starren. Fenster sind auch mal nett. Deswegen: Ohrstöpsel rein (denn zu viel Umwelt ist zu viel) und träumerisch gestarrt. Wer so aussieht wie ich (oder sich zumindest so kostümiert), sitzt meist allein. Gar nicht mal ungewollt.

Aus-und Ansichten aus dem Bus

Wie also die graue Regenlandschaft des heimelig verfallenden Betons an den ungeputzten Fenstern vorbeistreicht wie ein schmieriger Stummfilm. Metropolis light. I Am Scared to Death; plötzlich jemand von ganz hinten aus dem Bus, ein Gangster aus der letzten Reihe, doch nicht, eleganter Mantel, Lederschühchen, gepflegter Henriquatre. Setzt sich in einen leeren Vierer, direkt vor mir, fragt mich – ist okay, oder?

Rhetorische Frage, da sitzt er schon, Rücken zu mir. Der Bus biegt ab auf die Autobahn, Schnellbus im wahren Wortsinne. Gedanken an Motorjournalistensprech: Wenn die Freudentränen horizontal nach hinten laufen, ist die Beschleunigung gut. Die Regentropfen an den Fenstern können sich kaum von ihrer müden Vertikalen losreißen. Wohldochnichtsoschnellbus.

Der Dochnichtsogangster weint. Tränen also ebenfalls vertikal. Ohne abgewischt zu werden, nässen sie den weißen Hemdkragen; offenbar auch keine Freudentränen. Vorteil eines Hemdkragens: Keine Tränen auf dem iPhone.

Ist ihr noch frei -Bus fahren deluxe

Allen Rückzug vergessend und unter der PreisVorgabe, von sozialer Angemessenheit nichts zu verstehen, linse ich über seine Schulter. Endlich wieder ein Display. Chat. Nur grüne Nachrichten. Nicht hinzugefügter Kontakt. Kapitelüberschrift: Blockieren, Hinzufügen. Oben doch eine weiße Nachricht – ich will den Kontakt nicht verlieren. Also den, der nie bestand, glaube ich der Software.

Die grünen Antworten starren ihn an. Er hat etwa fünfzehn verfasst. Alle abgeschickt, keine gelesen. Auch ich muss sie nicht lesen, um zu wissen, was darin steht. Schlagwörter: ich wollte nicht/ich hoffe du/vielleicht können wir. Antwort bleibt aus. Tröstliche Musik, von der ich nichts verstehe. Sein Lösungsansatz.

Nervös zuckt das Mobiltelefon hin und her. Ebenso die Finger auf dem Display. Jackentasche, Schoß, Hand. Sperren, entsperren, Musik, Messenger, keine Antwort, sperren. Und bis zur Endhaltestelle keine Antwort. Erbarmungslos kündet die Tonbandstimme vom Ankunftsort. Raus mit euch. Erst mal ein Bier.

Nächstes Mal auf jeden Fall wieder ein Buch.