Phantomschmerz

Diagnose chronisches Herzversagen, #STPOESIE || Foto: © Mia Kloeting

„Unter Phantomschmerz versteht man Schmerzen in einem Körperteil, der nicht mehr vorhanden ist, meist infolge einer Amputation. Nach der Amputation spüren die allermeisten Betroffenen weiterhin die nicht mehr vorhandene Gliedmaße…Gelegentlich wird über nicht-schmerzhafte Empfindungen wie Kribbeln, Berührungsempfindungen, Zucken berichtet. Etwa 60–80% der Amputierten nehmen Schmerzen im amputierten Körperteil wahr.“ Aus: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.


Sie sagen, die Wunde verheile gut. Sie sagen, man könne fast nichts mehr sehen. Sie sagen, sie dürfe eigentlich nichts mehr fühlen. Sie sagen, nach all der Zeit sei da aus medizinischer Sicht kein Grund mehr für Schmerzempfinden. Sie sagen, ganz eventuell wird am Ende lediglich eine kleine Narbe übrig bleiben. Sie sagen, alles im Rahmen. Alles gut. Kein Grund zur Sorge.

Und ja, SIE WEISS. Eine Narbe mehr oder weniger bringt sie nicht um. Alles im Rahmen. Alles gut. Kein Grund zur Sorge.

Doch: Wissen ist nicht fühlen. Und was sie in manchen Momenten immer noch und immer mal wieder fühlt, ist intensiv und real. Viel zu real für etwas, das es nach allgemeiner Definition ja nun nachweislich nicht mehr geben darf. Ein Schmerz an einer Stelle, die doch schon längst verheilt ist – von allen Seiten mit nachdrücklichen Nicken bestätigt, sieh nur, wie gut es dir schon geht, wie weit du schon gekommen bist…immer einen aufmunternden Spruch parat, ungefragt. Frei nach dem Motto „jeder weiss was (besser).“

Und bitteschön, nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Sie ist sowas von bereit für schmerzfreie Zeiten. Nichts lieber als das. Kaum ausgesprochen, beschwichtigende Blicke. Aber aber, nur keine Aufregung. Die Experten haben für alles eine herrlich-hübsche, rationale Erklärung parat. Sie blättern zackig im jeweils passenden Ratgeber, setzen ein schlaues Gesicht auf und nennen es kurzum Phantomschmerz. Zum besseren Verständnis: Ein Phantom ist etwas, das es nicht gibt, eine Einbildung oder eine Erscheinung. Daher auch zu vernachlässigen. Aha. Na dann.

Müßig zu erklären: Das, was es also nicht gibt, diese Einbildung, schleicht sich auf leisen Sohlen an, schlägt gern genau dann zu, wenn sie gerade dabei ist, die Fraktur und alles, was mit ihr zusammenhängt, zu vergessen. Es kribbelt, zuckt. Sanft pochend, leicht ziehend, bittersüß. White Russian Style. Wie eine vage, verschwommene Reminiszenz, die zaghaft anklopft und sie mit sich trägt, zurückträgt, sie daran erinnert, dass sie zwar nachweislich auf dem richtigen, denn auf IHREM Weg ist, aber noch längst nicht angekommen. Sie lacht ihr ins Gesicht und bestätigt: Wissen ist nicht fühlen. Emotio fickt Ratio. Phantonschmerz my ass, eingebildet oder wahrhaftig, ihr doch egal. Fakt ist: Er beherrscht seinen Job verdammt noch mal ziemlich ausgezeichnet.

Denken. Fühlen. Wissen.

Was die Experten gern vergessen zu erwähnen – denn auch für sie gilt umgekehrt „Wissen ist nicht fühlen“ – das einzige, was hilft, ist Zeit. Und noch viel wichtiger: Die Dauer ist dabei so individuell wie die Narbe, die zurückbleiben wird. Es geht darum, das eigene Timing zu kennen und zu akzeptieren. Beste und einzig wirksame Medikationen für einen nachhaltigen Heilungsprozess: Akzeptanz und Geduld.

Sie, diejenige, die ihr Leben lang davon überzeugt war, mit der Geduld auf Kriegsfuß zu stehen, lernt nun beim ungeliebten Besuch des Phantomschmerzes vor allem eines: Luc de Clapiers Vauvenargues hat recht – Geduld ist DEFINITIV die Kunst zu hoffen. Und da Hoffnung manchmal nicht genügt, darf es von Zeit zu Zeit auch ein bisschen Kampf sein. Und genau das macht ihr Mut. Denn, was das Phantom nicht wissen kann: im Hoffen und Kämpfen ist sie Meisterin, jahrelang geübt, immer und immer wieder, manchmal sogar wider besseren Wissens.

Wer weiss, eventuell schliessen das Phantom und sie Freundschaft, treffen sich freitags abends auf dem Sofa, schnacken ein wenig über ihre gegenseitigen Wehwehchen und vergleichen ihre Narben. Und vielleicht gibts sogar nen bittersüßen Drink dazu…gemixt vom Dude 
persönlich. Bis es soweit ist, sollen die Experten doch mit ihrer Hand sprechen, denn ihre Ohren hören ihnen ab sofort nicht mehr zu.

Leinen los © Mia Kloeting