Ode an den Morgen

Es soll Leute geben, die morgens nicht aus dem Bett kommen. Die lieber bis mittags schlafen und so die schönste Tageszeit verpassen: den Morgen. Den Moment, an dem alles neu beginnt, an dem die Karten für den Tag neu gemischt werden. Den Moment, an dem die Welt erwacht.

Ich liebe ihn, den Morgen. Wenn alles leise ist und verschlafen. Wenn die Welt noch mir gehört, für ein paar kurze Augenblicke. Gibt es was Schöneres, als morgens in den Tag zu horchen und sich zu überlegen, was der neue Tag alles bringen wird?

Morgens bin ich am liebsten für mich, und wenn zuhause noch jemand wach ist, sollte diese Person zumindest kein Morgenmuffel sein, denn dafür habe ich wenig Verständnis. Und wie nervig sind  die Leute, die regelmäßig erst um 11 im Büro sind und man Stunden darauf warten muss, um mit ihnen etwas zu besprechen!

Auch während des Studiums fand ich es nie besonders schlimm, schon morgens vor 9 Uhr Vorlesungen zu haben, denn noch vor den Ladenöffnungszeiten durch die Stadt zu wandern, hatte seinen Reiz. Ich fühlte mich wie ein Insider, der hinter die Kulissen schauen darf: LKW säumen den Straßenrand, es wird ausgeladen.

Rossmann

Die Fensterputzer ziehen ihre Schwämme über die Schaufenster; jemand fegt.

Morgens in Mannheim City

Die Mülltonnen stehen mitunter noch vor den Geschäften.

Mülltonnen

Man erfährt, dass auch der kleine Blumenladen um die Ecke nur Holland-Blumen hat. 
Es ist ein ganz eigenes Bild, dessen Spuren nach 10 fast vollständig verwischt sind. Es ist, als sähe man einen Star ohne Make-up. Und was ist das nicht für ein Hochgefühl, früh morgens unterwegs zu sein, wenn noch nicht mal alle Stände auf dem Markt aufgebaut sind? Wenn man die Sonne aufgehen sieht? Wenn man dabei ist, wenn die Vögel aufwachen und den Tag besingen?

Ich kann nicht leugnen, dass ich den Morgen im Sommer sympathischer finde als im Winter, aber auch die langsam aufbrechende Morgendunkelheit im Winter hat ihren Reiz. Wenn es Stunden dauert, bis das Licht durchkommt und man beobachten kann, wie die Nachbarn nacheinander das Licht anknipsen. Und man eben nicht beim ersten Blinzeln schon weiß, wie früh oder spät es ist.

Vielleicht ist es so, dass ich Anfänge generell bevorzuge. Ein Anfang verspricht viel mehr als ein Ende, wo alles seinen Abschluss findet und festgelegt ist. Verpasse ich den Anfang eines Films möchte ich eigentlich gar nicht weiter gucken. Dasselbe gilt für den Anpfiff eines Fußballspiels, die ersten Takte eines Konzerts oder die Vorspeise eines Menüs.

Ein Anfang ist immer voller Möglichkeiten, voller Hoffnung. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, so beschreibt es einer meiner Lieblingsdichter. Und das ist er für mich, der Morgen – ein Anfang, etwas Neues, Unverbrauchtes. Wen wundert es da, dass auch eines der schönsten Lieder ihn beschreibt:

http://youtu.be/1TWd3skb-Rw

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