Die Vier ist blau

Rot, blau, gelb, blau, braun, grau, weiß. So sieht meine Woche aus.
Jeder Tag hat seine Farbe und das ist so seit ich denken kann. Diese Farben bestimmen meinen Rhythmus, meine Stimmung, mein Outfit, meine Wege. Lieblingstag? Dienstag.

Wolkenloser-Italienhimmel-Blau. Ganz unten auf der Liste: der Donnerstag mit seinem krakelig-kratzigen Füllerblau. Trage ich montags Rot, macht das den Tag rund, denn der Montag ist dunkler Klatschmohn und steht neben dem Dienstag ganz oben in den Favoriten. Und noch mehr: die unauffälligen Farben der Wochenendtage suggerieren mir eine ruhige entspannte Stimmung und verschwimmen farblich fast zu einem Block. Samstag und Sonntag ist fast dasselbe – wie Fuß und Bein.

Die Tatsache, dass ich Buchstaben und Zahlen farbig sehe, hat einen Namen: Synästhesie. Kurz gesagt ist Synästhesie die Verbindung von Sinneseindrücken. Soll heißen, im Kopf eines Synästhetikers sind ein paar extra Synapsen extra verbunden, mit dem Ergebnis, dass für manche Menschen Jahreszeiten eine Form, Namen einen Geschmack, oder eben Buchstaben eine Farbe haben. Das alles habe ich nach einem unbeschwerten Synästhetikerleben im Untergrund erst vor wenigen Jahren im Gespräch mit einer Freundin erfahren, die mir freundlicherweise auch den Hinweis gab, dass nicht alle Menschen Synästhetiker sind. Mit der Unbeschwertheit ist es seitdem vorbei. Seit diesem Tag versuche ich, ein System in meinen Farben zu entdecken, was nicht so einfach ist.

Gedanken statt Abendbrot

So viel habe ich bisher herausgefunden: In meiner Synästhesiewelt gibt es dominante Buchstaben, die die Farbe eines Wortes prägen. Denn meine Wörter sind nicht bunt, sondern in der Regel einfarbig. Meistens ist es jedoch der Anfangsbuchstabe, der die Farbe vorgibt: S macht rot, A gelb. Doch die Liste der Ausnahmen ist groß. Der eingangs zitierte Klatschmohnmontag hat keinen einzigen Buchstaben, der auch nur ansatzweise rot ist. Und Rossana und Rebecca haben auch nicht dieselbe Farbe. Bei Zahlen sieht das anders aus. In Zahlenfolgen behält jede Zahl ihre Farbe, es ergibt sich z.B. keine Gesamtfarbe für eine Telefonnummer.

Klatschmohnimpression

Ich präzisiere weiter. Beim Lesen sehe ich Wörter z. B. nicht farbig. Ich sehe die Farben, wenn ich an Wörter, Zahlen oder Personen denke. So bedeutet „E-Mail schreiben“ orange, die Schwetzingerstraße ist rot und wenn ich an meinen Bruder denke, ist das dunkelblau. Immerhin, ich schmecke keine Dinge. Eine Bekannte erzählte mir mal, ihr Name schmecke für sie nach Teppich, was schon fast ein bisschen eklig sei.
Insofern habe ich Glück und fühle mich durch den Farbenrausch im Vorteil.  Denn trotz meiner Mathe-Aversion kann ich mir so gut Nummern merken. Bei Personen fällt es mir leichter, mir die Farbe statt des Namens zu merken – den Namen kann ich dann oft ganz einfach ableiten. Schwierig wird es allerdings, wenn jemand heiratet und den Namen des Partners annimmt. Mal ganz abgesehen von meiner Missbilligung dieser im 21. Jahrhundert immer noch weit verbreiteten Praxis, bringt es mich schlichtweg farblich komplett durcheinander. Genauso, wenn sich die Farben von Namen und Spitznamen grundlegend unterscheiden. So wird dunkelblau schnell mal gelb und das ist verwirrend, liebe Mia.

Zu den Nachteilen meiner Synästhesie gehört hingegen, dass mein Kopf offensichtlich nur ein begrenztes Farbspektrum hergibt und meine Kolleginnen Anna, Alexandra und Andrea damit leben müssen, dass ich sie wegen ihres uniformen Gelb-Seins nicht immer gleich mit dem richtigen Namen anreden kann.
Und eigentlich spreche ich auch gar nicht so gerne über Synästhesie. In den seltensten Fällen versteht es jemand und ich frage mich ernsthaft, wo sich all die anderen Synästhetiker dieser Welt verstecken, von denen in Studien immer die Rede ist. Ganz im Gegenteil – die Welt scheint voller Synästhesie-Skeptiker: Unsinn, ausgedacht, anerzogen. Kein Phänomen ohne Kritiker.

Synästhesie-Kritiker meinen z.B. Synästhesie sei erlernt durch Bücher oder das Fernsehen, doch die bereits erwähnten Studien zeigen, dass dem nicht so ist. Zugegeben-  es gibt wohl gewisse Parallelen.  Viele Synästhetiker sehen die 1 und den Sonntag weiß (oder transparent), ebenso die Null. Synästhesie hat auch eine erbliche Komponente und tritt in manchen Familien gehäuft auf. Statistiken sagen darüber hinaus aus, dass mehr Frauen als Männer Synästhetiker sind. Ich gehöre also zum absoluten Synästhestiker-Mainstream.

Doch es gibt da noch eine andere Sache. Denn ich sehe Farben und ich sehe Tiere. Begegne ich einer Person zum ersten Mal, ordne ich ihr ein Tier zu. Automatisch. Es ist ein Reflex. Und das bei mir, wo ich in den seltensten Fällen eine emotionale Beziehung zu Tieren aufbaue! Ich habe ja noch nicht mal ein Lieblingstier.
Mir ist aufgefallen, dass erstaunlich viele Männer Hunde sind (in den verschiedensten Rassen). Die entscheidenden physiologischen Merkmale sind meist Ohren, Mund und Nase. Oft spielen aber auch Haare oder eine Brille eine Rolle, und natürlich Größe und Statur. Eine Kollegin war jahrelang ein Maulwurf – bis sie ihre Brille wechselte. Das verwirrte meine Synapsen so sehr, dass ich sie seitdem nicht mehr zuordnen kann. Erstaunlicherweise gibt es hierbei sogar eine Art Evolution – ich kenne eine Frau, die mit ihrem wunderbar weichen, welligen Haar immer eine Angorakatze war. Sehe ich sie jetzt, muss ich feststellen, dass sie immer mehr einer Schildkröte ähnelt, denn ihr Kopf wird immer kleiner.

Wenn ich Menschen von meinem Tierreflex erzähle, möchten sie normalerweise wissen, was sie sind. Dem Desinteresse an der Farb-Synästhesie steht also ein erstaunlich großes zoologisches Interesse gegenüber.  Eine fiese Angelegenheit, denn es gibt auch Hyänen und Nilpferde in meinem Umfeld. Und wer möchte schon gerne hören, dass er ein Nilpferd ist?

Kurioserweise lebe ich mit einer Katze zusammen, obwohl ich Katzen nicht besonders mag. Und ich verrate gerne, dass ich in meinem Familienzoo zwei Hunde, einen Koala und eine Gans habe. Und ich bin sehr gespannt, welches Tier meine Tochter wohl mal wird – oder ob sie überhaupt eins wird. Mich selbst kann ich übrigens nicht zuordnen. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gern ein Tier, das an Land lebt, in einem warmen Land, ich hätte ungern mehr als vier Beine und auch kein zotteliges Fell. Zwei elegant geschwungene Hörner wären auch nicht schlecht. Ich hoffe, meine Katze käme damit zurecht.

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